Zeichen der Erinnerung setzen

Gemeinschaft Evangelischer Ostpreußen lud zur Gedenkstunde in München ein

 

aus „Das Ostpreußenblatt“ vom 22.06.2013, Seite 19

 

 

Vor 15 Jahren wurde ein vom Bildhauer Professor Georg Rauwolf geschaffener Gedenkstein auf dem Münchner Waldfriedhof aufgestellt, der an das Massensterben nach dem Krieg in Königsberg erinnert. Er trägt die Inschrift: „1945–1948. Königsberg (Pr.). Unseren hunderttausend Toten und allen, die gleiches Schicksal erlitten“. Die Initiative für diesen Stein ging vom Münchner Bürgerverein aus, dessen Vorsitzender, Günther Hagner, aus Königsberg stammte. Die Stadt München stellte dazu einen unübersehbaren Platz nahe der Aussegnungshalle zur Verfügung. Die Gemeinschaft evangelischer Ostpreußen (GeO), Landesgruppe Bayern hatte im Frühjahr zu einer Gedenkstunde eingeladen. Die rund 100 Besucher begrüßte Pfarrer Werner Ambrosy mit einer Andacht. Die Gedenkansprache hielt Pfarrer Klaus Plorin, der Stellvertretende Vorsitzende der GeO. Es sang der Ostpreußische Sängerkreis unter der Leitung von Günter Lopian. Alle vier in Bayern ansässigen Ostpreußen-Gruppen waren vertreten, aber auch der Bund der Danziger sowie zahlreiche Gäste.

Der Landesvorsitzende der LM Ost- und Westpreußen, Friedrich-Wilhelm Böld, und der Vorsitzende der Stadtgemeinschaft Königsberg, Klaus Weigelt, übersandten Grußworte. Die Andacht von Pfarrer Ambrosy erinnerte an das leidvolle Schicksal vieler Heimatvertriebener, angefangen von den durch Nebukadnezar deportierten Juden, über die Glaubensflüchtlinge aus Frankreich, Holland und Salzburg, die Flüchtlinge und Vertriebenen aus dem deutschen Osten bis zu den heutigen Flüchtlingen, die ihre Heimat aus verschiedensten Gründen verlassen müssen. Er betonte: „Gerade wir Kriegs- und Nachkriegskinder haben einen Wahrheits-, Gedenk- und Versöhnungsauftrag. Nur durch Verständigung, Vergebung und Versöhnung kann Frieden bei uns und in Europa einkehren. Christen sind Bürger zweier Reiche, haben einen „Doppelpass“. Als Leute, deren endgültige Heimat bei Gott ist, leben sie als Pilger in dieser Welt. Wirkliche, unwiderrufliche Heimat ist letztlich bei Gott, sei es in Ostpreußen, der alten Heimat, oder hier in Bayern, unserm jetzigen Zuhause. Das ist unsere Hoffnung, unser Trost.“

Als Zeitzeuge erinnerte Pfarrer Plorin an das leidvolle Schicksal der am Kriegsende noch in Königsberg lebenden Zivilisten. Er selber habe als Sieben- bis Zehnjähriger die Tragödie der Menschen in seiner Heimatstadt Königsberg von der Bombardierung Ende August 1944 bis zur Auswanderung im Juni 1947 miterleben müssen, aber überleben dürfen. „Die Stadt, die nach den Propagandasprüchen an den Hauswänden zum ‚Grab der Bolschewisten‘ werden sollte, wurde in den nächsten Jahren zum Grab für etwa 100000 Menschen. Nur rund 25000 haben überlebt und wurden 1947 und 1948 zwangsweise nach Restdeutschland ausgewiesen.“

Tief eingeprägt haben sich in seiner Erinnerung die Bilder Sterbender und Toter, die nicht immer gleich beerdigt werden konnten. Hunger und Seuchen, Kälte, Gewalttaten, einstürzende Ruinen und Selbsttötungen Verzweifelter rafften die Menschen massenhaft dahin. „Das grausame Schicksal, der sinnlose und unverdiente Tod so vieler Unschuldiger hat sich meinem Gedächtnis schmerzlich eingeprägt. Und unsere persönlichen Erinnerungen werden noch ergänzt durch Berichte und Bücher von Landsleuten, welche die Kraft aufbrachten und die seelische Mühe auf sich nahmen, das furchtbare Geschehen in Worte zu fassen, damit es dem Langzeitgedächtnis unseres Volkes erhalten bleibt.“

Wichtig seien dafür auch die für viele sichtbaren Denkmäler wie das hier auf dem Waldfriedhof, die beiden im Garten der Auferstehungskirche in Königsberg für verstorbene Erwachsene und Kinder, das in Palmnicken für die dort im Januar 1945 ermordeten KZ-Insassen sowie das am Nordbahnhof für die Königsberger, die schon 1942 ermordet wurden, nur weil sie Juden waren. Solche Denkmäler riefen zum Gedenken der Opfer auf, aber auch zu kritischem Nach-Denken über Ursachen und Verursacher solch massenhaften Tötens und Sterbens. Dabei dürfe man nicht nur „den Russen“ die Schuld geben. Irreführende Propaganda der Nazis und die viel zu späte Erlaubnis hätten die rechtzeitige Flucht vieler Ostpreußen verhindert. Und mit weit über 100000 Zivilisten in Königsberg hätte man die Stadt nicht zur Festung erklären dürfen. So seien schon durch die mehrere Monate lange Beschießung wichtige Lebensgrundlagen für die Menschen wesentlich vermindert worden.

Ob unter den katastrophalen Verhältnissen nach dem Krieg die Sowjets für das Überleben der Deutschen mehr hätten tun können, sei unsicher, ob sie es wollten, könne man bezweifeln. Bei den seit 22 Jahren möglichen Begegnungen mit den heute dort lebenden Menschen heilten manche deutschen und russischen Wunden. Gegenseitige Vergebung habe schon viel Gutes bewirkt und zu gegenseitig wachsendem Verstehen geführt.

Bei Sonnenschein ging man zu der gepflegten kleinen Anlage am Gedenkstein, die seit Jahren Heinz Sperling gärtnerisch betreut. Die Sachkosten übernimmt in Zukunft die GeO. Dann wurden ein Kranz der Ost- Westpreußenstiftung in Bayern und zwei Bouquets der LO-Gruppe München und der GeO als Zeichen der Erinnerung niedergelegt. Ambrosy erinnerte an die jahrhundertealten Wechselbeziehungen zwischen Ostpreußen und Franken beziehungsweise später München und Bayern, etwa die Münchner Ostpreußenhilfe 1915, Gründung des Vereins heimattreuer Ost- und Westpreußen in Bayern 1920 und die etwa 60 Straßennamen in München mit ost- und westpreußischem Bezug. Das alles habe zur Genehmigung der Errichtung des Steins im Jahr 1998 beigetragen.
 

Klaus Plorin

 

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