Königsberg 1945 – die Hölle auf Erden

In einer Gedenkfeier auf dem Münchner Waldfriedhof würdigt Wilhelm v. Gottberg die Opfer

 

aus „Das Ostpreußenblatt“ 21.04.2001, Seite 7

 

 

Mahnung und Erinnerung:

 

 

Der Münchner Bürgerverein hat auf Initiative seines Vorsitzenden, des gebürtigen Königsbergers Günther Hagner, auf dem Waldfriedhof in München ein von dem Bildhauer Georg Rauwolf gestaltetes Denkmal für die Toten in Königsberg in den Jahren 1945 bis 1948 errichtet. Aus Anlass des 56. Jahrestages der Kapitulation Königsbergs am 9. April 1945 wurde durch Günther Hagner und den Bürgerverein eine Gedenkveranstaltung auf dem Münchner Waldfriedhof durchgeführt. Den Gedenkgottesdienst gestaltete Pfarrer Ambrosy. Der Sprecher der Landsmannschaft Ostpreußen, Wilhelm v. Gottberg, hielt bei der Gedenkfeier eine Ansprache, die wir wegen ihres grundsätzlichen Charakters nachstehend im Wortlaut dokumentieren.

Ich bin heute nicht ohne Emotionen nach München gekommen, um an dieser Stunde, die der gemeinsamen Erinnerung an die Opfer Königsbergs dient, teilzunehmen. Morgen ist der eigentliche Jahrestag der Kapitulation Königsbergs, also der Tag, an dem der letzte Rest deutscher Verantwortung für die Stadt Immanuel Kants abgegeben werden musste. Gestorben war Königsberg schon Wochen vorher. Gestorben wurde in Königsberg seit Januar 1945 zuhauf.

In einer Rede, die über den Rundfunk übertragen wurde, hatte der Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Königsberg, Prof. Baumgarten, folgendes ausgeführt: "Ich rede in niemandes Auftrag. Ich habe von mir aus als der derzeitige Inhaber des Königsberger Philosophischen Lehrstuhls, des Lehrstuhls von Immanuel Kant, um die Möglichkeit gebeten, über den deutschen Rundfunk das Wort zu ergreifen.

Wer im Angesicht Kants redet, redet im Angesicht Europas. Zu Kants Gedächtnis und für die Zukunft Europas will ich sagen, was ich zu sagen habe.

Ich spreche aus einem Trümmerhaufen. Ich spreche nicht von den menschlichen Geschehnissen, die sich in der Stadt ereignet haben. Die höllischen Nächte enthüllen auch in dieser Zeit, dass die Grausamkeit des gegenwärtigen Krieges auch schon unter uns Europäern – von den Grausamkeiten der Russen schweige ich – so ins Maßlose gestiegen ist, dass am Ende dieses Krieges keiner, kein einziger der Beteiligten, und sei er von Hause aus noch so selbstgerecht gesonnen, über den Gegner moralisch Gericht halten könnte, ohne damit sein eigenes innerstes Gewissen zu schänden, ohne Gott zu lästern. Ich weiß sehr wohl, dass dies in den Wind gesagt sein wird für den Fall, dass Deutschland in dem jetzigen Kampf erläge. Allen Warnungen vernünftiger Menschen in allen Lagern zum Trotz würde dann der letzte Akt dieses Krieges ein Aufstand der Pharisäer sein. Sie würden nichts Besonderes zu tun wissen, als einen unbändigen Hass ans Werk zu schicken, um wie 1919 im Gefolge einer erneuten Kriegsschuld-Agitation ihre politische Verantwortung für einen wahrhaften Frieden, für einen tragfähigen Aufbau der europäischen Völkergemeinschaft zu verspielen."

Als Prof. Baumgarten dies sprach, wusste er noch nicht, was auf Königsberg und seine Menschen zukam.

Keine deutsche Stadt ist in der Kriegs- und Nachkriegszeit so entstellt worden wie Königsberg. Keine deutsche Stadt hat mehr gelitten als Königsberg, auch nicht Dresden. In Dresden sind mehr Menschen gestorben als in Königsberg, aber im Unterschied zu Königsberg kam der Tod für die Menschen in Dresden schnell. Diejenigen, die in Königsberg bei der Eroberung oder unmittelbar vor dem Fall der Stadt ihr Leben lassen mussten, starben nicht human, aber ihnen blieb der Weg durch die Hölle erspart. Die Menschen, die am 9. April 1945 noch lebten, mussten durch eine irdische Hölle gehen, und die allermeisten sind dabei elend zugrunde gegangen.

Als die Rote Armee am 13. Januar 1945 mit vielfacher Übermacht zum Großangriff in Ostpreußen antrat, stieß sie überall auf stark geschwächte deutsche Verbände. Bereits Ende Januar stand sie bei Elbing am Frischen Haff. Damit war der Großraum Königsberg mit mehr als einer Million Menschen vom Reich abgeschnitten. Erst jetzt rief Gauleiter Koch die Zivilbevölkerung auf, die mit Flüchtlingen überfüllte Stadt Königsberg zu räumen. Die seit Oktober 1944 bekannt gewordenen Greueltaten der Russen in Goldap, Nemmersdorf und anderen, wieder freigekämpften Orten ließen in der Bevölkerung Panik aufkommen. Eine Massenflucht in Richtung Pillau und zur noch nicht von den Sowjets besetzten Ostseeküste begann. Allein von Pillau aus wurden bis Ende April 1945 durch die deutsche Kriegsmarine rund eine halbe Million Menschen in den Westen gerettet.

Mit der bedingungslosen Kapitulation der Festung Königsberg am 9. April 1945 verstummte das Hämmern der Artillerie und das Heulen der Stalinorgeln. Die Hauptstadt Ostpreußens war gefallen. Truppe und Zivilbevölkerung, rund 130 000 Personen, atmeten auf, nicht ahnend wie tief sie in der Folgezeit erniedrigt werden sollten. Es mag disziplinierte sowjetische Truppen gegeben haben. Die noch in der Stadt befindlichen Königsberger haben solche nicht kennengelernt. Sie erlebten nur wüste Haufen entfesselter Rotarmisten, zur Rache aufgepeitscht, raubend, plündernd, Frauen schändend, Brände legend. Vom 10. bis zum 12. April wurde die Stadt wie zur Zeit der Mongolenkriege zur Plünderung und Brandschatzung freigegeben. Keine Kamera hat die grauenvollen Szenen des Terrors und der Demütigung festgehalten. Nur die wenigen, die überlebt haben, konnten von den Ereignissen Zeugnis ablegen. Ihre erschütternden Erlebnisberichte sind eine unschätzbare Geschichtsquelle. Sie legen Zeugnis ab von Hunger, Krankheit, Gewalt und Tod. Neben den zahlreichen Berichten in der von Theodor Schieder herausgegebenen Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost- und Mitteleuropa sind stellvertretend aus der zahlreichen Memoirenliteratur Hans Graf Lehndorff, Hugo Linck, Emma Kirstein, Hans Deichelmann und die Veröffentlichung der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen "Frauen in Königsberg" zu nennen. Hinsichtlich der Leiden der Königsberger Bevölke-rung ergibt sich aus den Berichten ein relativ einheitliches Bild. In den ersten Tagen wurde die Stadt Schauplatz bestialischer Grausamkeiten.

In dem Bericht einer Krankenschwester ist zu lesen: "Auf den Straßen bot sich mir ein schreckliches Bild, überall lagen Ermordete. Ich sah Menschen mit durchschnittenen Hälsen. Gleich vor dem Haus lag der Kopf eines mir bekannten Fleischers. Sein Körper lag einige Schritte daneben. Als ich Russen sah, die abgeschlagene Köpfe mit den Füßen vor sich herstießen oder sie auf Bajonetten trugen, glaubte ich, mich unter Irrsinnigen zu befinden."

Ein Wahnsinn, der in gewisser Weise Methode hatte, waren die sogenannten Propagandamär-sche. Unmittelbar nach dem Ende der Kampfhandlungen wurde die Bevölkerung willkürlich zusammengetrieben und unter Bewachung aus der Stadt heraus und in tagelangen Märschen planlos durch das Samland oder in den östlichen Teil der Provinz getrieben. Wer unterwegs liegenblieb, wurde ermordet oder seinem Schicksal überlassen. Auf diese Weise kam im Straßengraben der Slawist der Albertina Prof. Hans Meyer um. Seine letzte Vorlesung hatte er wenige Wochen zuvor über Dostojewski gehalten.

Während der Zwangsaustreibung aus der Stadt wurden – wenn nicht schon vorher geschehen – die Wohnungen der Abwesenden vollständig geplündert. Viele der Überlebenden der Märsche hielten die Russen in Lagern gefangen und verpflichteten sie zur Zwangsarbeit. Andere durften nach Königsberg zurückkehren. Sie hausten in der zu 90 Prozent zerstörten Stadt in Ruinen, Kellern oder Gartenhäusern und waren von der Besatzungsmacht der Verelendung und dem Hungertod preisgegeben. Hans Graf Lehndorff, der als Chirurg am Zentralkrankenhaus in Königsberg tätig war, notierte im Juni 1945: "Die Menschen, die man uns bringt, befinden sich fast alle im gleichen Zustand. Oben sind sie zu Skeletten abgemagert, unten schwere Wassersäcke. Ein merkwürdiges Sterben ist der Hungertod."

Nach russischen Angaben sind in den ersten Tagen nach der Besetzung der Stadt und bei den Propagandamärschen rund 30 000 Menschen ums Leben gekommen. Die Lage verbesserte sich auch in der Folgezeit nicht. Eine Ausreise war nicht möglich, und aus der Sowjetunion kommende Zivilisten verstärkten noch den Wohnraummangel. Hungersnot, Verwahrlosung und Rechtlosigkeit bestimmten den Alltag. In der Literatur sind mehrfach Fälle von Kannibalismus belegt. In keiner deutschen Stadt war der Hunger so groß wie in Königsberg. Zwei Jahre – vom Sommer 1945 bis zum Sommer 1947 – hielt die hohe Sterblichkeit infolge der Unterernährung und der Epidemien von Typhus und Ruhr an. Innerhalb dieser zwei Jahre sind von den über 80 000 Deutschen, die im Sommer 1945 in Königsberg registriert worden waren, mindestens 50 000 gestorben. Im Herbst 1947 befanden sich nach übereinstimmenden Angaben nur noch rund 20 000 Deutsche in der Stadt, so daß die Gesamtzahl der Opfer mehr als 80 000 betragen dürfte. Mit den Toten, die vor dem 9. April 1945 in Königsberg starben, ist die Opferzahl von 100 000, wie auch auf dem Denkmal vermerkt ist, sicherlich nicht zu hoch angegeben.

Zitat von Erna Ebert aus "Frauen in Königsberg": "Wir haben alle vier Hunger wie reißende Wölfe. Wenn man Holz anfressen könnte. Kartoffelschalen. Mama und ich gehen in den Wald nach Holz. In dieser Kälte ist niemand draußen. Wir begegnen Jungs mit Pferdefleisch. Wir holen uns am nächsten Morgen auch etwas. Jetzt haben wir Fleisch. Mama ißt es roh, obwohl ich sie warne. Sie sagt, ich gönne es ihr nicht. Der Hunger hat sie unterhöhlt. Der Hunger macht stumpfsinnig und unempfindlich. Man vergisst, dass man Mutter ist. Es gibt nichts Schlimmeres als Hunger. Und wer einen verhungernden Menschen hat sterben sehen, wird es sein Lebtag nicht vergessen.

Wir verkaufen noch Fleisch und machen uns dadurch ein paar Rubel, um Brot zu kaufen. Durch Zufall gelingt es mir, 250 Rubel zu stehlen. Wir haben kein Gewissen, und andere auch nicht. Die Menschen sind schwarz vor Hunger und fallen auf der Straße tot um, wie Spatzen von den Bäumen in diesem harten Winter.

Mama wird immer dünner. Sie kann sich in ihren Rock nun schon dreimal einwickeln. Sie ist nur noch Haut und Knochen. Heute habe ich ihre Augen gesehen. Augen, in denen der Tod steht. Mein Gott, mein Gott, lass mich nicht alleine."

Ich zitiere – nochmals aus dem Buch "Frauen in Königsberg" – eine Passage mit den letzten Aufzeichnungen der Frau Lotte Schwokowsky: "Es ist mir nicht mehr vergönnt, noch zu leben. Ich bin so furchtbar schwach geworden. Von allem Hunger schon so geschwollen. Ich werde nun bald sterben. Wie gerne hätte ich noch mein eigenes bescheidenes Heim gehabt, in unserem lieben Vaterland, und sei es nur eine Wohnküche, in der ich kochen und satt werden könnte mit meinen Lieben. Möge Gott mein Kind, meine liebe Annelie, nicht verlassen und ihr einen guten Menschen in den Weg geben, der sich ihrer annimmt, bis sie vielleicht in einem Waisenhaus untergebracht ist. Auf Wiedersehen im Himmel. Eure tieftraurige Lotte Schwokowsky." Am 13. Mai 1947 ist Lotte Schwokowsky in Königsberg 47jährig gestorben.

Dr. Hans Deichelmann, Verfasser des Buches "Ich sah Königsberg sterben", schreibt, als er 1948 herauskam: "Der Hut, den ich trage, ist das Erbe eines Verhungerten. Mein Stock ist der Nachlass eines Verhungerten. Alles, was ich am Körper trage, stammt von Menschen, die den Qualen Kaliningrads zum Opfer fielen. Wir, die wir heute die Stadt verlassen können, leben nur, weil andere uns durch ihr Weichen das Weiterleben ermöglicht haben. Weil wir gerade noch etwas kräftiger waren als die anderen, weil sie uns ihre Nahrung, ihre Kleider und ihren Arbeitsplatz lassen mussten. Wer von uns Deutschland wiedersehen darf, hat Glück gehabt. Das Glück eines von Fünfen oder von Sechsen."

An anderer Stelle schreibt Dr. Deichelmann: "Kaliningrad, der Name verpflichtet. Kaliningrad, Stadt des Schutts, der Trümmer und des Unrats. Die Stadt des Mordens, des Raubens, die Stadt der Vergewaltigungen. Kaliningrad, Stadt der Tränen, des Blutes und der Gräber. Die Russen haben Recht getan, diese Spitzenleistung ihrer Kultur mit dem Namen ihres verstorbenen Staatsoberhauptes zu benennen. Kaliningrad! Niemals mehr will ich die Stadt mit ihrem früheren Namen nennen."

Hans Graf Lehndorff notierte in seinem ostpreußischen Tagebuch schon unter dem 29. April 1945: "Die Zahl der Toten hat sich so vermehrt, dass die Russen aus Selbsterhaltungstrieb eine Art Seuchenbekämpfung in Gang zu setzen beginnen." An anderer Stelle schreibt er: "Vor uns öffnet sich ein pechfinsterer fensterloser Raum, der nach hinten schräg hinabführt. Vornan bewegen sich, vom Licht geblendet, ein paar Gestalten am Boden. Der Russe lässt uns hineingehen. Offenbar ist dies ein Raum, den man ganz vergessen hat. Aus dem Dunkel ziehen wir einen Körper nach dem anderen ans Licht. Fünfzehn Männer sind es, die wir nun so schnell wie es geht untersuchen. Sieben sind tot. Mit den übrigen acht ist auch nicht mehr viel los. Wir dürfen sie alle heraustragen. Zu Vieren tragen wir sie alle nacheinander heraus, die Lebenden und die Toten."
 


Die ab Sommer 1947 abflauenden Typhusepidemien und die russische Währungsreform im Dezember 1947 verbesserte die Lage so weit, dass noch mehr Russen im Königsberger Gebiet eintrafen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten allein in Königsberg nur gut 20 000 Deutsche Hunger, Seuchentod und willkürlichen Erschießungen trotzen können.

Die Deutschen wurden mit dem Zuzug der russischen Arbeitskräfte für die Sowjets in jeder Beziehung entbehrlich, weshalb im Frühjahr und im Herbst 1947 die Ausweisung in die westlichen Teile Deutschlands begann. Diese Ausweisung wurde mit der gleichen Entschiedenheit betrieben, wie zuvor die Verhinderung des Wegzuges der Deutschen Bevölkerung. Die Ausreise erfolgte zunächst auf Antrag, wobei die Miliz angewiesen wurde, täglich nicht mehr als 50 Anträge zu bescheiden. Es kam dabei zunächst zu Tumulten, da jeder zu den ersten 50 Personen des Tages gehören wollte.

Der erste kleine Transport verließ Königsberg am 1. April 1947. Die deutschen Behörden und Auffanglager waren mangels Information durch die Russen auf diese legale Ausreisewelle aus Königsberg nicht vorbereitet. Bis Juni 1947 hatten 2300 Personen die Ausreise erreichen können. Die persönlichen Berichte, veröffentlicht durch das Bundesvertriebenenministerium, sind in soweit eindeutig: 1947/48 wollten alle, die zu überleben gewagt hatten, nur noch heraus.

Zwischen Juni und Oktober 1947 setzte plötzlich wieder eine Ausreisesperre ein. Gleichwohl wurden die Deutschen weiter drangsaliert. Wohnungsdurchsuchungen, Beschlagnahme der wenigen privaten Gegenstände, bis zur Bibel, Verhaftungen, Verhöre und konstruierte Straftaten waren an der Tagesordnung. Der kleinste Mundraub wurde mit langen Haftzeiten belegt. Allein die Zweifel an der Ausreisegenehmigung trieben noch so manchen Deutschen in den Tod.

Marga Pollmann, auch eine Überlebende, schreibt über ihre innere Verfassung im Jahre 1947 in Königsberg: "Zu Beginn des Jahres 1947 wurden meine Großen krank, wir kamen wieder sehr herab, aber da tauchte dann im März das Gerücht auf, die Deutschen können nach Zentraldeutschland. Das gab wieder etwas Auftrieb. Es war aber auch der letzte Flügelschlag; denn inzwischen war auch ich zu der Überzeugung gelangt, dass es besser wäre, die Kinder und mich auszulöschen, als zuzusehen, wie die absinkende Moral ins eigene Leben griff.

Bei den Russen zu verbleiben, wäre gleichbedeutend gewesen mit einem Leben unter Verbrechern. Die Kinder wären unfehlbar diesen Weg gegangen, hart und erbarmungslos gegen fremdes Leid, ohne geistige Belehrung, ohne familiären Zusammenhang. Sechsjährige Jungen standen rauchend auf den Märkten, torkelten betrunken durch die Straßen wie die Russenkinder auch. Die Russen hatten Freude daran, die deutsche Jugend zu zerstören. Waren meine Kinder zur festgesetzten Zeit nicht zu Hause, wusste ich nie, waren sie ausgeplündert, saßen sie im Bunker oder waren sie abgeschlachtet. Denn auch der Handel mit Menschenfleisch tauchte auf. Noch im Juni 1947 wurden einige deutsche Mädchen und Russen dafür erschossen."

Mit Beginn der zweiten Ausreisewelle ab Oktober ’47 waren plötzlich alle Anträge zur Ausreise gegenstandslos geworden. Die Ausreisescheine wurden durch die Miliz straßenweise ausgegeben. Die Abreise erfolgte in der Regel am Tage darauf.

Alle Personen mussten zuvor am Bahnhof mehrere Sperren bis zum Zug passieren. An einer Sperre gelangte man zum deutschen Markt, auf dem jeder seine Rubel ausgeben konnte; sonst wurden sie an der nächsten Sperre eingezogen. Auf dem nur für die Ausreisenden bestimmten Markt am Bahnhof konnten die Deutschen ihre letzten Rubel, die sie zum Teil auch durch den vorherigen Verkauf ihrer bescheidenen Habe erworben hatten, in Lebensmittel und Kleidungsstücke für die Reise umsetzen. Für die Reisedauer von sieben Tagen musste jeder selbst für seine Nahrungsmittel Sorge tragen. Neben den restlichen Rubeln wurden auch Geldbestände in Reichsmark eingezogen. Die Russen achteten darauf, dass alle Papiere mit Ausnahme der Personalpapiere eingezogen und vernichtet wurden. So wurden insbesondere auch Adressbücher, Fotos und – soweit noch vorhanden – Sparkassenbücher verbrannt.

Die Züge im Rahmen der großen Ausweisung 1948 bestanden aus 40 bis 50 Güterwaggons. In jedem Waggon, ausgestattet in der Mitte mit einem eisernen Ofen und ohne Sitzgelegenheiten, wurden 40 bis 50 Personen transportiert. Auf der Durchreise durch den polnischen Machtbereich wurden die Waggons in der Regel verplombt.

Hans Deichelmann berichtet am Ende seines Buches über seine Ausreise aus Königsberg am 14. März 1948: "Während sich die Räder des Transportzuges langsam in Bewegung setzen, vereinigen sich die Stimmen aller nun heimatlos gewordenen zu einem Gebet überquellenden Dankes an ihren Schöpfer. Das Geräusch des anfahrenden Zuges wird übertönt von dem Lied, das aus über 50 Waggons zum Himmel dringt: Großer Gott, wir loben dich."

Dieses Ereignis macht deutlich, woher die Überlebenden die Kraft schöpften, um zu überleben.

Im Königsberger Gebiet, das nun zur Sperrzone wurde, blieb kein Deutscher, keine Deutsche zurück. Dies hat in der bisherigen Weltgeschichte wirklich singulären Charakter.

Das Präsidium des Bundes der Vertriebenen hat eine Initiative in Gang gesetzt, um in Berlin ein Zentrum gegen Vertreibung einzurichten. Es soll ein Haus der 15 Millionen werden. Der 15 Millionen ostdeutscher Heimatvertriebener. Ob das Vorhaben zu realisieren ist, muss heute noch offen bleiben. Lasst uns mitwirken an diesem Vorhaben, damit auch die Toten von Königsberg einen Platz im Geschichtsbuch der Deutschen finden.
 

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