„Die mit Tränen säen,…“

Gedenkstein für die Toten von Königsberg in München eingeweiht

aus „Das Ostpreußenblatt“, 2. Mai 1998 – Folge 18 – Seite 20

 

9. April 1945: Festung Königsberg/Pr.: General Lasch nimmt das Angebot des Oberbefehlshabers der russischen Front, Marschall Wassiliewiski, auf „ehrenvolle" Kapitulation an. „Ich war mir bewusst, dass die Übergabe der Festung an einen brutalen Feind erfolgen musste, der Keine Gnade kannte..." Und aus den letzten Kriegstagen: „Die vorher gelegentlich geäußerte Ansicht, dass die Russen doch auch Menschen seinen und alles nur halb so schlimm werden würde, wurde jetzt bereits in eindringlicher Weise Lügen gestraft, und es zeugte von hoher Disziplin deutscher Soldaten, dass angesichts dieser Unmenschlichkeiten überhaupt noch Gefangene eingebracht wurden." Und diese Feststellung sollte für die in Königsberg eingeschlossenen 130 000 bis 150 000 Menschen grausame Wirklichkeit werden. Bis Ende 1948, Reste noch 1949, wurden die etwa 25 000 Überlebenden nach Deutschland, zumeist in die „DDR" transportiert, mindestens 100 000 Menschen kamen in dieser Zeit um.

 

53 Jahre später wurde auf Initiative des Münchner Bürgervereins diesen 100 000 Toten von Königsberg/Pr. Auf dem Münchner Waldfriedhof in einer eindrucksvollen Feierstunde ein Denkmal geweiht, das der Münchener Bildhauer Georg Rauwolf künstlerisch geschaffen hat. Ihm gebühren besonderer Dank und Anerkennung für seine uneigennützige, mit Opfern verbundene Arbeit. Das Mal stellt eine in den Stein gehauene Frauengestalt dar, die, aufrecht und ungebrochen, aber von Hunger und Entsetzen gezeichnet, in abwehrender Haltung sich und ihr Kind zu schützen sucht. Die Vorderseite erinnert an die 100 000 Umgekommenen und alle, die gleiches Schicksal erlitten. Die linke Seite erbittet Ruhe für sie mit den Worten: Ruhet in göttlichem Frieden, ruhet, wo ihr sterbend geblieben, ruhet in eurer Erde, die wieder Heimat werde.

 

Gut 250 Personen füllten die Aussegnungshalle des Waldfriedhofs, um all der Toten ohne Grabstätte in einer Feierstunde zu gedenken; Angehörige der Landsmannschaften der Ostpreußen, Pommern (mit ihrer Fahne), Schlesien, Sudetendeutschen, eine Abordnung der Schulvereinigung der Vorstädtischen Oberrealschule Königsberg mit einem Kranz. Viele kamen aus allen Teilen der Bundesrepublik Deutschland, zumeist Angehörige von Betroffenen, selbst Überlebende dieses großen Sterbens, so z. B. Erika Morgenstern aus Neumünster. Sie las als Zeitzeugin aus ihrem Buch „Überleben war schwerer als Sterben". Auch Christa Pfeiler-Iwohn aus Hamburg, heute noch mit der Aufklärung von Waisenschicksalen engagiert tätig, war als Zeitzeugin zugegen. Herr Gratz, Leiter des städtischen Grabmalamtes, er stellte den schönen Platz zur Verfügung und unterstützte das Vorhaben, nahm ebenfalls teil. Ihm sei besonders Dank gesagt.

Die Totenfeier war eingebettet in eine Tagung der „Akademie für Bildung und Kultur", wodurch der Feier besonderes Gewicht zukam. Ihr Präsident und Ehrenvorsitzender des Münchener Bürgervereins, Karl Günter Stempel, prägte mit seiner Ansprache die Feier nachhaltig: „Möge dieses Mahnmal für viele Schicksale des letzten Krieges stehen und vielen unter den Lebenden ein Anlass des Erinnerns, der Liebe und der Verpflichtung werden." Er mahnte mit dem Dichterwort: „Ein Volk ist immer so viel wert, wie es sich in seinen Toten ehrt, wie es sich in seinen Kindern lebt, wie es Meister zu seinem Bilde erhebt", und zitierte den Russen Jurii Nikolajewitsch Iwanow, der einst mit seinen Protesten an das Zentralkomitee der KPdSU „Haltet die Schänder auf" in Ungnade gefallen war: „Sieben Jahrhunderte deiner großen Geschichte dürfen nicht vergessen werden" und „Königsberg, Du bist nicht sterblich", wie es Agnes Miegel in einem ihrer Gedichte schrieb. Stadtrat Rudi Hierl sprach Grußworte des Oberbürgermeisters der Landeshauptstadt, er klagte Gewalt und Willkür an und zeigte tiefes Mitgefühl mit den betroffenen Landsleuten.

 

Die „Gemeinschaft evangelischer Ostpreußen" war die Schirmherrin der Aktion. Ihr neuer Vorsitzender Hubertus Senff vermittelte die Zuversicht und die Gewissheit, daß sich die ganze Gemeinschaft uns in dieser Stunde ganz besonders verbunden weiß. Bei aller Trauer stehe unser Leben und Handeln aber doch im Zeichen der Hoffnung. Dieses Mal sei nicht nur Erinnerung an eine bedrückende Vergangenheit, es weise zugleich den Weg in die Zukunft. Pfarrer i.R. Schulz-Sandhof, stellvertretender Vorsitzender der Gemeinschaft, ebenfalls aus dem Hannoverschen angereist, verkündete die biblische Verheißung „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten". Die zu Herzen gehende Feier wurde von einem Münchner Familien-Streichquartett musikalisch umrahmt.

 

Im Anschluss an die Feier in der Halle nahm Pfarrer i. R. Schulz-Sandhof die Einweihung des Denkmals vor: „Der Stein, den wir heute der Öffentlichkeit übergeben und der nächsten Generation zur Obhut anvertrauen, ist ein Denk-Mal im eigentlichen Sinne des Wortes. Er erinnert daran, wozu der Mensch fähig ist. Es stimmt etwas nicht mit den Menschen: Flucht und Vertreibung, Erniedrigung und Mord, so wie es die Bürger Königsbergs in den Jahren 1945 bis 1948 kennengelernt haben, sind dafür ein Zeichen. Menschen haben sich in unbegreiflicher Bosheit ausgetobt. Der Mensch wurde demaskiert."

 

Während der Niederlegung der Kränze blies eine Trompete in der Feme: „Ich hatte einen Kameraden" und zum Abschluss die tröstende Melodie „Ich bete an die Macht der Liebe". Eine würdige, ergreifende Feier. Das Denkmal erfüllt Sinn und Zweck, wie schon zu erkennen: Man bleibt stehen, fragt, nimmt anerkennend Anteil. Es steht als dauerhaftes Zeugnis eines beispiellos tragischen Geschehens. Die LO-Landesgruppe Bayern schickte einen Kranz, die Stadtgemeinschaft Königsberg wurde von Heim Schmidtke aus Sonthofen vertreten. Dank dafür. Wir sagen allen tiefempfundenen Dank, die uns mit ihren Spenden, gutem Zuspruch und herzlicher Anteilnahme unterstützt haben, und wen der Weg nach oder über München führt, der möge das Mal aufsuchen. Zu finden auf dem Waldfriedhof, Neuer Teil, Lorettoplatz, bei der Aussegnungshalle.

 

Günter Hagner

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